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Biodiversität

Eigentlich läuft man ihr permanent über den Weg, man tummelt sich in ihr oder bedient sich ihrer Schätze. Und trotzdem ist Biodiversität ein weithin unbekannter Begriff. Nicht zuletzt die 9. UN-Naturschutzkonferenz in Bonn dieses Jahres bietet Anlass genug, ihn kurz zu erklären...

So schön ist Artenvielfalt Foto von Angelika Wolter/pixelio.de

Per Definition versteht man unter Biodiversität, oder auch einfach biologische Vielfalt, die Vielfalt der Ökosysteme, die Vielfalt der Arten sowie die genetische Vielfalt innerhalb der Arten. So langweilig sich diese Definition auch erstmal anhört, Biologische Vielfalt ist eine der Grundvoraussetzung der Natur, in der wir leben. Die drei Ebenen der Vielfalt bedingen sich gegenseitig und bilden ein komplexes ökologisches Wirkungsgefüge: Eine Art hängt häufig von der anderen ab und das Aussterben der einen, kann zum Verlust der anderen führen - Komplexe Ökosysteme erfordern Artenreichtum, Artenreichtum erfordert genetische Vielfalt. Und umgekehrt. Je ausgeprägter beispielsweise die genetische Vielfalt ist, desto flexibler können Pflanzen und Tiere auf Veränderungen der Umwelt reagieren, sich anpassen oder entwickeln. Hätte es vor der Eiszeit lediglich Dinosaurier gegeben, wäre unser Planet jetzt ziemlich leblos.

Die Anpassungsfähigkeit der Natur ist allerdings begrenzt – die Entwicklung von Arten benötigt oft mehrere tausend Jahre. Neben den bereits bestehenden Belastungen für die Natur, wie intensive Landnutzung, die Verschmutzung der Umwelt sowie die Übernutzung natürlicher Ressourcen, muss sich die Natur – und somit auch die verschiedenen Arten - nun auf den vom Menschen verursachten Klimawandel einstellen. Aufgrund steigender Temperaturen, niedrigerer Niederschläge oder sich verändernder Vegetationsperioden müssen sich viele Arten neue Lebensräume erschließen. Oder sich den neuen Bedingungen anpassen – doch das kostet Zeit, die der rasante Klimawandel vielen der bis dato 1,8 Millionen bekannten Arten nicht lässt. Hinzu kommt, dass die so genannte grüne Gentechnik heutzutage versucht, gezielte Eingriffe in das Erbgut von Pflanzen vorzunehmen. Ziel gentechnischer Anwendungen sei unter anderem die Verbesserung des Saatgutes. Doch neben ethisch-moralischen Problemen besteht beispielsweise die Gefahr, dass die veränderten Gene ungewollt auf andere natürliche Pflanzen gleicher oder gar anderer Art übertragen werden, zum Beispiel durch Pollenflug. Eine solche abrupte Veränderung der genetischen Eigenschaften bedeutet für viele Arten eine Umstellung, die sie nicht bewältigen können und somit vom Aussterben bedroht sind.

Neben dem ohnehin bedrohlichen Rückgang der Artenvielfalt - bereits heute sind circa 15.500 Arten vom Aussterben bedroht – hat auch die Veränderung des Klimas massive Auswirkungen auf die Artenvielfalt der Erde. Das ökologische Gleichgewicht, so sind sich Forscher und auch Politiker einig, gerät ins Wanken. Da die globale Lebensmittelversorgung zu einem erheblichen Teil auf intakten Ökosystemen beruht, ist auch der Mensch hiervon unmittelbar betroffen. Die besondere Brisanz des Themas kann man auch daran erkennen, dass die 9. UN-Naturschutzkonferenz im kommenden Mai in Bonn dem Erhalt der Biologischen Vielfalt eine besondere Bedeutung zuspricht und somit verdeutlicht, dass dies neben dem Schutz des Weltklimas eine besondere und nur gemeinsam zu bewältigende Herausforderung darstellt.

Hintergrund

In den 1980er Jahren haben Wissenschaftler immer intensiver berichtet und darüber debattiert, dass offensichtlich ein weltweites Artensterben eingesetzt habe. In seiner Größenordnung sei es den Katastrophen in der Erdgeschichte vergleichbar, als Kometeneinschläge, starker Vulkanismus, giftige Gase oder drastische Klimaänderungen verschiedentlich Massensterben verursachten. Die wohl bekannteste dieser Katastrophen fand am Ende der Kreidezeit, vor 65,5 Millionen Jahren, statt: Infolge eines Meteoriteneinschlags vor der Yucatan-Halbinsel müssen sich die Umweltbedingungen temporär drastisch verändert haben; denn innerhalb kurzer Zeit starben die Dinosaurier und andere Organismengruppen aus – allerdings, wie wir heute wissen, längst nicht ausschließlich wegen dieses Meteoriteneinschlags. Neu beim derzeitigen Artensterben ist, dass eine einzelne biologische Art, der Mensch, unmittelbar oder mittelbar die Ursache dafür ist.

Namensherkunft

Der Begriff »Diversity« war als Kennzeichnung der Vielfalt tierischer und pflanzlicher Baupläne und Arten im Angelsächsischen schon seit längerem im Gebrauch. Von „Biological Diversity“ zur Kurzform Biodiversity war es also nur ein kleiner Schritt. Das Kunstwort entstand vermutlich 1985; ein Jahr später, 1986, richtete das American Natural Research Council das »US National Forum on BioDiversity« ein. Einer größeren Öffentlichkeit wurde der Begriff durch das 1988 erschienene Buch »Biodiversität« von Edward O. Wilson bekannt. Seither umschreibt der Begriff die Lehre von der Erforschung biologischer Vielfalt und ihrer Bedrohung auf der Erde unter gleichzeitiger Berücksichtigung geeigneter Schutzmaßnahmen.

Foto von VeiledThoughts/jugendfotos.de

Gründe für das Artensterben

Für den aktuell starken Schwund an Biodiversität gibt es verschiedene Ursachen. So unterscheidet man zum Beispiel zwischen unmittelbaren Direktwirkungen, wie ungeregelte Jagd und großflächige Waldrodungen, mittelbaren und unmittelbaren Gründen. Ein mittelbarer Grund ist mit Sicherheit der Anstieg der Erdbevölkerung und der damit verbundene höhere Bedarf an (Siedlungs-) Flächen, Verkehrswegen, Energie, Rohstoffen und Nahrung. Je nach Region kann eine der folgenden Ursachen vorherrschen:

  • Biotopzerstörung und –veränderung
  • unkontrollierte Bejagung und Befischung
  • chemische und physikalische Umweltbelastung
  • Verdrängung durch invasive Arten

Häufig liegen allerdings Ursachenkombinationen vor, und manchmal ist der menschliche (anthropogene) Einfluss nur schwer vom nichtanthropogenen zu unterscheiden. So beobachtet man seit langem einen weltweiten Rückgang der Amphibienbestände. Neben Ursachen wie Lebensraumzerstörung und Gewässerbelastung wirkt offenbar ein parasitischer Pilz daran mit. Ob und wie seine Verbreitung mit menschlicher Aktivität zusammenhängt, ist noch unklar; aber die globale Erwärmung führt auch dazu, dass sich natürliche Verbreitungsareale verändern, was die Ausbreitung dieses Pilzes unterstützen kann.

An der globalen Erwärmung ist aber der Mensch, wenn nicht allein, so doch zumindest sehr stark beteiligt, schuld. Galt die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler und Naturschützer lange Zeit primär tropischen Landökosystemen und deren Bedrohung, sind mittlerweile auch die Meere, Inseln, wüstenartigen Gebiete und selbst die Arktis in ihren Fokus gerückt. Daneben wurden und werden die komplexen Wechselwirkungen zwischen Umwelt und menschlichem Handeln zunehmend deutlich, weshalb in unserer vernetzten Welt vor allem nach globalen und gemeinschaftliche Lösungen gesucht wird.

Diese befriedigend durchzusetzen ist allerdings schwer: Das Überleben der Spezies Mensch wurde in der Evolution stets gesichert, indem sich einzelne Individuen und Gruppen Vorteile verschafften und die entsprechenden Gene möglichst durch erfolgreiche Fortpflanzung weitergaben. Die so genannte biologische Trivialität führte vielfach zu egoistischem Verhalten, so dass der eigene Vorteil zulasten anderer oder der Umwelt durchgesetzt wurde – und wird. Auf der anderen Seite lag hierin nicht zuletzt der Schlüssel für kulturelle Fortentwicklung. Ein Umsteuern bedeutete also in vielerlei Hinsicht ein Handeln wider die menschliche biologische Eigenart. Lösungen, die den Erhalt der Biodiversität zum Ziel haben, werden daher – so wir sie denn finden – sehr vielschichtig sein müssen und einer fortwährenden Kraftanstrengung bedürfen.

Wer braucht Biodiversität?

Jeder lebende Organismus, ob Einzeller oder Baum, Vogel oder Mensch, ist Teil eines komplexen Geflechts von Wechselwirkungen. Jede Lebensäußerung einer Art hat Rückwirkungen auf andere Arten. So beeinflusst beispielsweise der Eichelhäher, der die Samen der Arven in den Alpen frisst, durch Verbreiten der Samen das Gedeihen der hochalpinen Arvenwälder. Ökologische Beziehungen sind allerdings selten starr, sondern mehr oder weniger flexibel. Die Nahrung vieler Arten ist zum Beispiel bis zu einem gewissen Grad variabel, und es ist durchaus möglich, dass sich längerfristig modifizierte Präferenzen in der Evolution festigen und zur Norm werden. Um zu verstehen, wie Arten angepasst sind und zueinander in Beziehung stehen, müssen wir die Prinzipien, nach denen Lebewesen funktionieren und reagieren, begreifen.

Schon bald nach der Entstehung des irdischen Lebens vor rund drei bis vier Milliarden Jahren muss es verschiedene genetische Typen oder Linien gegeben haben, die sich nach und nach auseinander entwickelten. Selbst in den einfachsten Formen ist Leben stets nur in einer komplexen Wechselwirkung mit der belebten und unbelebten Umwelt vorstellbar. Lebewesen sind stets nur im Rahmen einer Lebensgemeinschaft langfristig existent und überlebensfähig, nicht als isolierte Arten. Sollten wir daher eines Tages zelluläres Leben auf einem fernen Planeten oder Asteroiden finden, würden wir mit Sicherheit nicht nur eine Art finden, sondern eine Lebensgemeinschaft, die zusammen mit ihrer unbelebten Umwelt ein Ökosystem bildet. Leben und biologische Vielfalt gehören also eng zusammen.

Der Mensch und die Biodiversität

Dass unsere Kultur, unsere Zivilisation und alle Zivilisationen vor uns so stark auf der biologischen Vielfalt aufbauen und mit ihr verbunden sind, ist eine derartige Selbstverständlichkeit, dass sie den meisten nicht bewusst ist. Die Vielfältigkeit der belebten Natur war Grundlage für die Ernährung, Kleidung und Behausung des Homo sapiens (Mensch). Eiszeitliche Vertreter dieser Art errichteten Hütten aus Mammutzähnen, fertigten Pfeile aus geeigneten Sträuchern, rieben die Speerspitzen mit Pflanzengift ein. Tier- und Pflanzenteile lieferten aber auch Ornamente und Schmuck, z. B. in Form von Schneckenschalen oder Bernstein (Bernstein ist Millionen Jahre altes Baumharz). Mit der späteren Sesshaftigkeit entstanden Viehherden, Nutzpflanzen wurden angebaut und züchterisch veredelt. Aus den dörflichen wurden städtische, und aus den städtischen großstädtische Gemeinschaften. Mit dem sich wandelnden Verhältnis zur Natur veränderten sich auch Tätigkeiten und Weltanschauungen.

Die moderne Zivilisation verbraucht mit Erdöl, Erdgas, Kohle, Holz, Torf und durch Pflanzen wie Zuckerrohr und Raps Materialien, die uns Energie liefern und dabei CO2 freisetzen, das entweder in jüngerer oder aber in längst vergangenen Zeiten durch biologische Prozesse fixiert wurde. Aus der Natur nimmt sich die Zivilisation Hölzer, Leder, Leinen und Papier. Und wir ernähren uns von Pflanzen- und Tierprodukten, die angebaut, gehalten oder in freier Natur gesammelt oder gefangen werden. Wir konsumieren Fleisch und Fisch, Meerestiere und Algen, Gewürze und Pilze sowie Milchprodukte, Eier, Brot, Gemüse und Früchte, die direkt aus der Natur oder indirekt aus definierten Zuchtrassen tierischer oder angebauter Organismen stammen. Auch viele Heilmittel entstammen der Natur.

Diese direkte Abhängigkeit des kulturellen Wohlstandes und der technischen Entwicklung von Naturprodukten ist in weniger entwickelten und ökonomisch schwachen Regionen der Erde unmittelbares tägliches Erleben. Denn dort sind biologische Produkte aus Anbau, Zucht oder durch Sammeln häufig die Hauptquelle für Energie, Rohstoffe, Nahrungsmittel und Kapitalbildung. Nachhaltigkeit hinsichtlich der Nutzung biologischer Vielfalt und bei der Bewirtschaftung stimmt bei solchen Kulturen daher meist noch mit der täglichen Lebenserfahrung überein – ganz anders als bei uns.

Auch moderne Technologien, Patente und Produktionsbetriebe werden von der biologischen Vielfalt initiiert. Stichwort Bionik. Denken wir z. B. an den 1951 zum Patent angemeldeten Klettverschluss, der vielfach verwendet wird, ob an Sportschuhen oder an der Babywindel. Sein Prinzip: das Ineinandergreifen kleiner Widerhäkchen, wie sie die Große Klette (Articum lappa) zum Festheften ihrer Früchte im Fell umherstreifender Säugetiere ausnutzt. In den 1990er Jahren wurde der den Pflanzenblättern abgeschaute »Lotus-Effekt« zur Wasserabstoßung und selbsttätigen Reinigung von Oberflächen in marktfähige Produkte eingeführt. Seit der Olympiade 2002 kennen wir hautenge Schwimmanzüge aus einem der Schuppenrillen-Haut von Haien nachempfundenen Material. Durch Anwendung von hieraus abgeleiteten Ribletfolien kann auch der Luftwiderstand von Flugzeugen verringert und somit Treibstoff gespart werden. Entsprechend wurde das Haifischschuppen-Vorbild auch nur bei besonders schnell schwimmenden Haien gefunden. All diese technologischen Errungenschaften basieren auf der bestehenden Biodiversität.

Die nationale Strategie

Foto von monkine/jugendfotos.de

1992 wurde auf der Konferenz der vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung das UN-Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biodiversity, CBD) beschlossen. Neben inzwischen 167 Staaten und der EU hat Deutschland das Abkommen 1993 ratifiziert und ist somit dazu verpflichtet „… nationale Strategien, Pläne oder Programme zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt (zu) entwickeln…“. Zwar seien in Deutschland schon einige Instrumentarien vorhanden, um die biologische Vielfalt zu schützen – insbesondere die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie und das Schutzgebietnetz Natura 2000 leisten bereits einen entsprechenden Beitrag -, eine nationale Strategie hingegen stand noch aus. Auch in Hinblick auf die im Mai stattfindende neunte UN-Naturschutz-Konferenz zur biologischen Vielfalt in Deutschland, legte die Bundesregierung im vergangenen Jahr eine nationale Strategie zur biologischen Vielfalt vor, die am 7. Dezember 2007 vom Bundeskabinett beschlossen wurde.

Wie im obigen Text dargestellt, sichert biologische Vielfalt die langfristige Existenz des menschlichen Lebens auf der Erde. Neben ökologischen Gründen für die Erhaltung der Biodiversität, gibt es auch soziale, ökonomische und kulturelle Gründe. Die nationale Strategie zur biologischen Vielfalt zielt von daher vor allem auf die dauerhafte Sicherung der biologischen Vielfalt ab und berücksichtigt dabei nationale, europäische und internationale Beschlüsse und Vorgaben. Zunächst werden in der Strategie die verschiedenen Gründe für die Erhaltung der biologischen Vielfalt sowie die bereits unternommenen Bemühungen dargestellt. Darauf aufbauend werden Visionen und Ziele erläutert und konkrete Maßnahmen bezüglich insgesamt 28 biodiversitätsrelevanten Themen aufgezeigt. Die Strategie berücksichtigt außerdem die Zusammenhänge zwischen biologischer Vielfalt und wirtschaftlichen Faktoren und lässt Themen der Armutsbekämpfung und Gerechtigkeit einfließen. Um den Erfolg der Strategie bemessen zu können, wurde außerdem ein Indikatorenset entwickelt, das dazu beitragen soll, die Auswirkungen der Strategie in regelmäßigen Abständen überprüfen zu können. Da die nationale Strategie als gesamtgesellschaftliches Programm verstanden werden müsse, könnten aufgrund der Verflechtungen keine exakten Kosten für die Umsetzung der Strategie beziffert werden. Untersuchungen des BMU und der EU-Kommission zufolge, müsse allerdings davon ausgegangen werden, dass die Kosten des Nichthandelns die Kosten der eingeläuteten Gegenmaßnahmen deutlich übersteigen werden.

Links zum Weiterlesen

Aktionsideen

Quelle

„Die Klimaakademie. Der Zug der Vögel im Klimawandel“ Broschüre der Naturschutzjugend