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Inhaltsverzeichnis

Brennnessel

Botanische Zuordnung

Foto von sassi, pixelio.de

Brennnesseln sind Samenpflanzen und der Klasse der zweikeimblättrigen Pflanzen zuzuordnen. Sie gehören zur Familie der Brennnesselgewächse (Urticaceae) mit ihren 40 Gattungen und über 500 - vor allem tropischen - Arten. Das lateinische Wort Urtica leitet sich von urere = brennen ab. Zu den in Deutschland vorkommenden Brennnesselgewächsen gehören die Brennnessel (Urtica) und das Glaskraut (Parietaria). Bei den Brennnesseln unterscheidet man vier Arten: die Große Brennnessel, die Kleine Brennnessel, die Sumpf-Brennnessel und die seltene Pillen-Brennnessel.

Verbreitung

Die Große und die Kleine Brennnessel waren ursprünglich in Nord- und Mitteleurasien verbreitet. Man bezeichnet sie als antropogene (= durch den Menschen) Kosmopoliten, da sie durch den Menschen über die meisten Kontinente verbreitet wurden. Die Große Brennnessel war als Pionierpflanze wesentlich an der Wiederbesiedlung Mitteleuropas und der Alpen nach der letzten Eiszeit beteiligt. Die Pillen-Brennnessel ist eigentlich in Südeuropa heimisch und wurde von dort nach Deutschland eingeschleppt. Die Große Brennnessel, die sehr nahe verwandt ist mit der Kleinen Brennnessel, ist auf der gesamten Nordhalbkugel anzutreffen und dort auch meist zahlreich vertreten. Da die Große Brennnessel die in Deutschland am häufigsten vorkommende und bekannteste Brennnessel ist, werden wir uns im Folgenden auf diese Art beziehen.

Lebensraum

Die Brennnessel wächst als Stickstoffzeiger bevorzugt an überdüngten Plätzen, wobei der "Dünger" in der Stadt oft aus Hundekot besteht. Sie kommt sehr häufig an Waldsäumen, an Ufern, auf Ödland und Schuttplätzen, an Gräben und Zäunen, sowie an Weg- und Straßenrändern vor, da sie hier optimale Bedingungen vorfindet. Der Standort sollte nicht zu schattig sein. Sie bevorzugt frischen bis feuchten, nährstoffreichen Lehm- und Tonboden. Die Brennnessel lebt meist in großen Beständen, die nur wenigen anderen Pflanzen wie Giersch und Zaunwinde Platz bieten.

Wachstum und Alter

Da Brennnesseln um so besser gedeihen, je mehr Stickstoff der Boden enthält, kann man aus ihrem Höhenwachstum Rückschlüsse auf den Stickstoffgehalt des Bodens ziehen. Sie gehört zu den ausdauernden Pflanzen, die mehrere Jahre hindurch blühen und fruchten. Durch ihre Fähigkeit, Nährstoffe in den Wurzeln zu speichern, kann sie den Winter überdauern.

Erscheinungsbild und Bestimmungsschlüssel

Die Große Brennnessel kann bis zu 150 cm groß werden. An Blättern und Stängel hat sie sogenannte Brennhaare, die bei Berührung das bekannte unangenehme "Brennen" auslösen (s. Abschnitt: Warum brennt die Brennnessel?). Die Pflanze ist zweihäusig, das heißt, die männlichen und weiblichen Blüten befinden sich jeweils auf verschiedenen Pflanzen.

Die männlichen Blütenstände sind als schräg-waagerecht gerichtete Rispen zu erkennen. Die weiblichen Blüten sind ebenfalls rispenartig angeordnet, werden nach der Befruchtung etwa 3-8 cm lang und hängen herunter. Die Blütezeit liegt zwischen Juni und Oktober. Die gesägten Blätter wachsen gegenständig am Stängel und haben eine eiförmige bis längliche Form. Das Blatt ist länglich zugespitzt und am Blattstiel herzartig geformt. Brennnesseln besitzen verzweigte, unterirdische Wurzelstöcke.

Vergleich Brennnessel und Taubnessel

Wenn eine augenscheinliche "Brennnessel" nicht "brennt", handelt es sich meist um eine Pflanze, die der Brennnessel zwar ähnlich sieht, aber aus der Familie der Lippenblütler stammt: die Weiße Taubnessel. Sie hat im Gegensatz zur Brennnessel keine Brennhaare. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass Taubnesseln einhäusige Pflanzen sind. Auffällig sind ebenfalls die großen weißen Blüten, die mit Nektar Insekten zur Bestäubung anlocken.

Vermehrung

Foto von Olaf S, flickr.com

Bei den männlichen Blüten sind die Staubblätter in der Knospe nach innen gebogen und werden in dieser Lage von den Blütenblättern festgehalten. Wenn sich die Blüten öffnen, schnellen die Staubblätter ruckartig zurück, die Staubbeutel reißen auf und ihre Pollen werden weggeschleudert. Bei schönem Wetter kann dieser Vorgang beobachtet werden: Wölkchen von gelbem Pollen, die vom Wind fort getragen werden. So gelangt der Pollen auf die Narben der weiblichen Blüten.

Da die Bestäubung durch den Wind erfolgt, benötigen die Brennnesselblüten keinen auffälligen Schauapparat, um Insekten anzulocken. Aus den Fruchtknoten der weiblichen Blüten entstehen die Samen, kleine Nüsschen. Die Samen werden durch Tiere und Wind weiter verbreitet. Brennnesseln können sich aber auch über Ausläufer ihrer verzweigten unterirdischen Wurzelstöcke fortpflanzen.

Warum brennt die Brennnessel?

Wer einmal eine Brennnessel berührt hat, wird sich wohl für immer an das unangenehme Brennen erinnern. Die Brennnessel "brennt", weil sie sich so gegen Fraßfeinde schützen will. Sie schützt sich durch Brennhaare, wie andere Pflanzen beispielsweise durch Dornen. Wodurch wird das Brennen aber nun genau ausgelöst?

Wenn man die Brennhaare unter dem Mikroskop betrachtet, sieht man eine Art kleine Nadel, die an ihrem Ende ein kleines rundes Köpfchen besitzt. Wird das Brennhaar nun berührt, bricht das Köpfchen ab und eine Spitze entsteht, die in die Haut eindringt. So wird das Brennnesselgift freigesetzt. Es enthält u.a. Ameisensäure, Histamin und Kieselsäure. Das Gift verursacht ein Jucken und Brennen ("Nesseln") auf der Haut. Ein Millionstel Gramm davon reicht aus, um die typischen Quaddeln entstehen zu lassen. Kratzt man sich zusätzlich, verteilt sich das Gift und das Brennen wird verstärkt. Allerdings ist die Reizung der Haut durch die Brennnessel nicht wirklich gefährlich.

Heilpflanze

Foto von Marianne Hauck, pixelio.de

Bereits in der Antike war die Brennnessel eine geschätzte Heilpflanze. Verwendung fand sie bei Drüsenschwellungen, Geschwüren, Lungenentzündungen u.a. Die mittelalterlichen Kräuterbuchautoren, von der heiligen Hildegard bis zu Matthiolus, übernahmen die antiken Heilanwendungen. Die Blätter verwendete man äußerlich zur Wundheilung und bei Venenentzündungen.

Heute gilt die Brennnessel in der Volksmedizin als blutstillend, blutverbessernd und blutreinigend, ferner als schleimlösend und wassertreibend. Die Brennnessel als Bestandteil von Leber,- Nieren- und Gallentees hat nachweislich einen harntreibenden und gallensekretionsfördernden Effekt, was ihre Verwendung zur Entschlackung und Blutreinigung erklärt. Brennnesselsaft eignet sich zur Anregung des gesamten Körperstoffwechsels und soll daher bei Gicht, Rheuma und Hautkrankheiten helfen. Pro Jahr werden bis zu 1.000 Tonnen Brennnesseln als Sammelware nach Deutschland importiert.

Düngemittel

Bei Biogärtnern ist die "Brennnesseljauche" ein allseits bekanntes und beliebtes pflanzliches Düngemittel, das viele wertvolle Nährstoffe, wie z.B. Stickstoff enthält. Im Garten angewendet werden die Pflanzen mit Brennnesseljauche in einer Verdünnung mit Wasser von 1:10 gegossen. Sogar bei Ungezieferbefall, insbesondere bei Blattläusen, kann eine Brennnesselkur hilfreich sein.

Nachwachsender Rohstoff

Durch die Zunahme von Allergien auf chemisch behandelte Textilien und durch den Wunsch der Verbraucher ist es zu einer Wiederbelebung unserer heimischen Faserpflanzen wie Hanf und Flachs gekommen. Nur die Brennnessel wurde lange Zeit vergessen. Die Große Brennnessel spielte vor der Einführung der Baumwolle in Europa eine bedeutende Rolle als heimische "Gespinstfaser". Bis heute sind 30 verschiedene Zuchtfasernesseln erhalten geblieben. Im Jahr 2000 wurden in Niedersachsen erstmalig wieder wirtschaftlich Faserbrennnesseln angebaut. 2001 wird es eine erste Kollektion aus Brennnesselstoffen zu kaufen geben. Die Fasern sind besonders reißfest und lang, also ideal geeignet, um sehr hochwertige, langlebige und strapazierfähige Stoffe daraus zu produzieren. Sie kann als einzige Faserpflanze viele Jahre vom selben Feld geerntet werden, ohne dass sie neu gepflanzt werden muss. Außerdem werden keinerlei Pflanzenschutzmittel benötigt.

Datei:Brennesselmaikäfer.jpg
Foto von Stefanie Junker, pixelio.de

Lebensraum für Insekten

Die Brennnessel bietet über 100 Insektenarten einen Lebensraum, von denen sich nur ein knappes Drittel von der Brennnessel ernähren. Rund 70 Arten leben von Brennnesselfressern, entweder als Räuber oder Schmarotzer, wie z.B. Falten- und Schlupfwespen, Spinnen oder Raubwanzen. Auch einigen unserer heimischen Schmetterlingsarten dient die Brennnessel als Futterpflanze, so unserem Frühlingsboten dem Kleinen Fuchs, dem Tagpfauenauge, dem Landkärtchen oder dem Admiral. Die Schmetterlinge legen ihre Eier auf den Pflanzen ab. Die geschlüpften Raupen ernähren sich dann bis zur Verpuppung von den Brennnesselblättern.

Schon gewusst, dass…

  • die Brennnessel seit Jahrhunderten als Heilpflanze und Wildgemüse bekannt ist?
  • sie vor der Einführung der Baumwolle eine große Bedeutung als Faser- und Färbepflanze hatte?
  • die Brennnesselfasern zu Stoffen (Nesseltuch), Stricken und Netzen verarbeitet wurden?

Links zum Weiterlesen

Aktionsideen

Quellen

  • Aichle, D.; Golte; Brechtle, M.: Das neue Was blüht denn da?. Kosmos-Verlag, Stuttgart 1997.
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  • Gerstmeier, Roland: Welcher Schmetterling ist das?. Kosmos-Verlag, Stuttgart 2000.
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  • Kreuter, Marie-Luise: 1x1 des Bio Gärtners. BLV Verlag, München; Wien und Zürich 1992.
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  • Richarz, Klaus; Limbrunner, Alfred: Fledermäuse - Fliegende Kobolde der Nacht. Kosmos-Verlag, Stuttgart 1999.
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  • Steinbach, Gunter (Hrsg.): Geheimnisvolle Fledermäuse. Kosmos-Verlag, Stuttgart 2000.
  • Steinbach, Gunter: Werkbuch Naturgarten. Kosmos-Verlag, Stuttgart 1992.
  • Steinbach, Gunter: Wir tun was für Schmetterlinge. Kosmos-Verlag, Stuttgart 1990.

Dieser Text entstand im Rahmen des Erlebten Frühlings 2001.