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Der Deich

Deiche haben eine typische Form, sie sind in fast allen Fällen an der Gewässerseite abgeflachter als an der Landseite. Damit bieten sie Wellen, aber auch mitschwimmenden Gegenständen und Eis wenig Widerstand. Funktionsfähige Deiche müssen ständig gewartet, gepflegt und überprüft werden. Sie werden einmal von tiefwurzelnden Pflanzen freigehalten, denn z.B. Baumwurzeln können später Eintrittslöcher für Wasser bilden. Andererseits soll es durchaus eine stabilisierende Decke aus Graswurzeln geben. Unter dieser Wurzel gibt es häufig verschiedene Deichkörper, der Deich besteht also nicht einfach aus einem in eine bestimmte Form geschobene Erdkörper. Viele Deiche haben entweder kurz hinter der Krone oder vor Ende auf der Landseite einen Weg für Servicefahrzeuge. Außerdem haben sie an der Landseite einen kleinen Entwässerungsgraben, der durchquellendes Wasser und Regenwasser sowie ggf. von Land her kommendes Oberflächenwasser auffangen und ableiten soll.

Für einen Deich gilt, was für eine Kette auch gilt: Die schwächste Stelle bestimmt die Gesamtstärke des Bauwerks.

Der sogenannten "Deichverteidigung" kommt bei Hochwassern seit jeher ein besonderes Augenmerk zu. Denn alle anderen (technischen) "Hochwasserregler" wie Wehre, Ablässe und Sperrwerke werden zur Makulatur, wenn der Deich bricht und das Wasser also durch eine geplante Rückhaltelinie strömt.

Ursachen und Abläufe von Deichbrüchen

Deichbrüche sind offensichtlich und spektakulär.

Im Anfangsstadium eines Deichbruchs mehren sich häufig unten genannte Phänomene. Wasser tritt sichtbar über. Jetzt heisst es, binnen kurzer Zeit zu handeln: Mit Sandsäcken oder Planen wird der Deich beschwert und abgedichtet. Verpasst man die ersten paar "Minuten", die kritische Phase eines Deichbruchs, so reisst der Deich an einer Stelle ein. Jetzt strömt Wasser durch und erodiert in kurzer Zeit weiteres Material, der Riss weitet sich an beiden "Ufern" aus. Im Grunde kann man ab einem bestimmten Punkt den Bruch nur noch durch Sandsäcke an beiden Seiten stabilisieren, damit das Loch und den Wassereinfluss bremsen um mehr Zeit für eine Evakuation des Hinterlandes zu haben.

1. Unterspülung

Bei einem starken Hochwasser drückt ein enormes Gewicht gegen den Deich. Stellt man sich ein Schwimmbad vor, das im Schnitt so 2-3 Meter tief ist, so ist nachvollziehbar, dass ein Deich faktisch den gleichen Druck wie eine Wand des Schwimmbads aushalten muss. Das Gewicht des Wassers erhöht den Wasserdruck und damit werden selbst kleinste Löcher zu möglichen Rißstellen. Durch den Wasserdruck sickert bei längerem Hochwasser unterhalb der Wasserlinie immer mehr Wasser in die Poren des Deichkörpers. Er wird im wahrsten Sinn aufgeschwemmt. Der Deich ist aber meist gut gepflegt und die Anlage der Deichteile abgestimmt. Grade wenn aber die Zusammensetzung des Deichs oder dessen Härte anders ist als der Untergrund, kann sich dort ein kleiner Wasserfluss bilden. Unterspülungen sind quasi nicht sichtbar und zunächst ungefährlich. Sie destabilisieren nur die Tragfähigkeit, so dass man ggf. nicht mehr auf dem Deich herumfahren darf. Gefährlich werden sie erst, wenn sich aus ihnen richtige Löcher bilden.

Auch bei normalem Wasserstand sickert über das Grundwasser immer Wasser hinter dem Deich durch. Dieser Deich wurde in den 80er Jahren fahrlässig in eine Aue hinein gebaut - wo sie verlief, zeigt das Wasser. Ein Kandidat für eine Deichrückverlegung.



2. Löcher im Deich

Löcher entstehen häufig durch grabende Tiere (insbesondere Bisamratten), Unachtsamkeit, das Befahren durch zu schwere Fahrzeuge, Wurzeln oder aufprallende Gegenstände. Durch diese Löcher strömt dann Wasser mit enormen Druck - und reisst Deichmaterial mit. Das Loch weitet sich durch Erosion auf. Dort wo das Wasser austritt, erkennt man manchmal einen kleinen Sandhaufen, den das Wasser aufspült. Stopft man diese kleinen Löcher nicht, riskiert man über längere Zeit einen Deichbruch.

Deiche, die nicht regelmäßig kontrolliert werden, können auch durch die "Grabarbeiten" von Kaninchen an der Oberfläche angegriffen sein.

Reicht der Deich?

Massives Sperrwerk an der friesischen Küste vor Terschelling, das den Seedeich schützt

Deiche sind eine tolle Sache, sie tun vor allem eins: beruhigen.

Der Deich galt lange als Rettung vor den Naturgewalten, seitdem u.a. der preußische Staat vor mehr als hundert Jahren als erster deutscher Staat ein massives Verbauungsprogramm mittels Eindeichung gefördert hat. Der Rhein als Beispiel hat durch Deiche vier Fünftel seiner Aue verloren, viele der ursprünglichen Rheinschleifen wurden "durchstochen".

Ein Deich kann zwar durchaus sinnvoll sein, aber er wirkt leider auch nicht besonders ökologisch. Er zerschneidet die Flussysteme und greift in die Aue nicht nur oberflächlich ein. So unterbindet er den unterirdischen Wasseraustausch zwischen den typischen Wasserflächen in der Aue genauso wie die Ausbreitung von Hochwasser oberflächlich.

Auch hochwassertechnisch ist der Deich & Co. ein zweischneidiges Schwert: Dadurch dass der Fluss eingeengt ist, kommt es zu keiner Ausdehnung der Wassermassen. Außerdem wird die Flut nur schneller gemacht. Einige Länder, wie zum Beispiel Hessen, haben die Retentionsflächen z.B. des Rheins durch massiven Deichbau (überproportional zu anderen Rheinanliegern) stark eingeschränkt. Die Hochwasser gehen zwar an Hessen meist vorbei aber treffen dann die darunterliegenden Städte wie Köln härter. Am Negativbeispiel Hessen zeigt sich, dass das St.Floriansprinzip endlich durch eine länderübergreifende Inititative ersetzt werden müsste. Da aber Flächenmanagment und kommunaler Hochwasserschutz ein langfristiges und teures Geschäft sind, hat hier Gier und Trägheit oft eher das Sagen als übergreifende Solidarität.

Kleiner Flutpolder für Oberflächenwasser, der bei Bedarf eingestaut wird. Solche technischen Mittel helfen nur an bestimmten Stellen, werden häufig aber zum alleinigen Mittel des Wasserbaus. Dieser wurde offensichtlich noch nie benutzt.

Jede Gegend muss ein wenig Hochwasser zulassen, damit nicht der Schwächste dann alles abbekommt. Sperren, Flutpolder und Wehre sind ebenfalls eine günstige Lösung aber auch manchmal das Problem. Im Sommer 2002 brach ein älteres Stauwerk in Ostdeutschland fast - es hätte wahrscheinlich eine gefährliche Wasserwelle ausgelöst. In Coesfeld/Westfalen verursachte die Verstopfung eines nagelneuen Oberflächenwasser-Kanals von der unscheinbaren Größe von etwa einem Meter Durchmesser eine hausgemachte Überschwemmung. Nach einem Niederschlag hatte sich Gestrüpp in den Stäben gefangen und das Wasser gestaut. Schaden: ein sechsstelligen Betrag (DM). Also ist Technik nicht immer die Lösung, wenn auch niemand ernsthaft auf Deiche verzichten kann. Leider vermittelt ein Deich zwar der einen Region eine faktische/psychologische Hochwassersicherheit, doch mit der fehlenden Retentionsfläche wird erkauft, dass flussabwärts sich das Hochwasser noch verschärft.

Deichverbände und Wasserverbände

Deichverbände haben in klassischen Hochwasserregionen eine lange Tradition. Sie regelten seit dem Mittelalter die Maßnahmen bei Hochwasser oder deren Vorsorge, vor allem natürlich den Deichbau. Da diese früher im Notfall über die Flutung oder Nichtflutung von Eigentum oder Fläche entscheiden müssten, hatten sie auch für feudale Verhältnisse einmalige Rechte. Nicht selten waren einige aus Notgemeinschaften entstanden. Deichpolitik war zwar feudal bestimmt, dennoch gab es auf unterer Ebene mehr und mehr "Basisdemokratie": Der Deichvorstand wurde gewählt.

PS: Der berühmte "Schimmelreiter" von Theodor Storm zeigt die moralische Korruption eines solchen "Deichgrafen", der aus persönlichem Interesse handelt und nicht - wie gedacht - im Interesse der Allgemeinheit. Diese literarische Figur ist allerdings nur deshalb so spannend gezeichnet, weil grade an der Küste die Figur des Deich-Vorstands ein Symbol moralischer Integrität darstellt.

Auch heute bestehen die Deichverbände noch. Prinzipiell kann jeder Mitglied werden, der Eigentum und Land auf der Fläche des zuständigen Deichverbandes hat, zudem gibt es nicht-natürliche Personen (z.B. Ämter) die Sitz und Einfluss haben. Heute entscheidet allerdings nicht mehr ein gewählter Vorstand über "Flutung oder Nichtflutung", sondern muss das i.d.R. exekutiven Behörden überlassen. Bei der langfristigen Deichbaupolitik haben die allerdings noch häufig starke Einflussmöglichkeiten. Hier zeichnet sich teilweise deutlich ab, dass die Besetzung der Verbände mit Vertretern der Land- und Forstwirtschaft nicht immer dem ökologischen Hochwasserschutz entgegen kommt.

Boden- und Wasserverbände sind ebenfalls private Verbände, die (-meist von der Landwirtschaft bestimmt-) den Ausbau der Oberflächenwasser-Ableiter bestimmen. Diese sind - ähnlich bäuerlicher Genossenschaften organisiert- damit beschäftigt, wie und wo Wasser abgeführt wird, um möglichst gut Landwirtschaft betreiben zu können. Hier zeigt sich deutlich, dass die phantasielosen "Vorfluter"-Verbände oft genug durch grade und regelmäßig tiefgefräst eingeschnittene Wasserläufe das Hochwasser-Spitzen-Problem noch verschärfen. Hier- und nicht an Elbe, Rhein & Co, könnte das Hochwasser verhindert werden. Paradoxes Ergebnis dieser "Wasser-weg"-Philosophie sind die im Sommer allgegenwärtigen Sprenkleranlagen.

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