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Inhaltsverzeichnis

Friedhof

Es ist nicht alles tot, was auf Friedhöfen zu finden ist. Diese Tatsache umfasst natürlich die Tier- und Pflanzenwelt, die sich mit den Ruhestätten der Toten einen eher ungewöhnlichen Lebensraum erschlossen hat.

Besondere Nische in der Stadt

In Deutschland gibt es alleine 20.000 Friedhöfe mit einer Gesamtfläche von 250.000 Hektar. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn Friedhöfe zur Grünen Lunge einer Stadt gezählt werden, da sie, im Durchschnitt, einen Anteil von 1,2% an der Stadtfläche haben. Eine große Bedeutung haben Friedhöfe auch im Innenstadtbereich, wo alte Begräbnisstätten dauerhaft als Grünflächen erhalten bleiben und somit der Versiegelung entgehen. Denn durch den anhaltenden Bauboom haben diese Flächen eine immer größere Bedeutung als Rückzugsgebiet für seltene und gefährdete Arten.

Viel Leben auf dem Friedhof

In alten Gehölzbeständen und dichten Büschen gibt es hervorragende Brutmöglichkeiten für Waldvögel und Bodenbrüter wie Rotkehlchen, Nachtigall und Zaunkönig. Denn auf Friedhöfen herrscht selten großer Andrang, und Hunde müssen draußen bleiben. Neben den Boden- und Gebüschbrütern finden in den Grüften, Mausoleen und alten Kapellen auch Hausrotschwanz und Bachstelze ideale Nistmöglichkeiten. Außer den zahlreichen Vertretern der Vogelwelt leben auf Friedhöfen natürlich noch andere Tiere wie Mäuse, Amphibien, Insekten, Igel und Fledermäuse. Bäume und Hecken prägen das Erscheinungsbild der Friedhöfe deutlich mit. Doch wurden in den letzten Jahrzehnten immer mehr nichtheimische Zier- und Nadelgehölze angepflanzt. Dies hat zur Folge, dass es zu einem Ungleichgewicht zwischen Flora und Fauna kommt, da sich viele Tierarten im Laufe der Jahrtausende auf heimische Laubgehölze spezialisiert haben. So findet man in unseren Breiten auf der Stiel- und der Traubeneiche fast 1.000 verschiedene Tierarten. Auf dem Fliederbusch dagegen fühlen sich nur ca. fünf Arten zu Hause, obwohl der Flieder bereits im 15 Jahrhundert hier angepflanzt wurde.

Schutz und Pflege, nicht nur auf den Gräbern

Doch auch auf Friedhöfen kann sich die Natur nicht so ausbreiten, wie es vielleicht möglich wäre. Der Grund hierfür sind, wer sollte es anderes sein: Wir. Unser Sinn für ästhetische Gestaltung kollidiert mit den Ansprüchen der Tier- und Pflanzenwelt. Dabei wäre es relativ einfach und kostengünstig, eine naturnahe Umgebung zu schaffen. Durch verminderten Pflegeeinsatz entwickeln sich aus streng geschnittenen Hecken schnell frei wachsende Gebüsche mit artenreichen Saumgesellschaften. Eine extensive Pflege der Wiesen würde die Häufigkeit der Mahd auf zwei- bis dreimal pro Jahr reduzieren. So könnten sich mitten in den Städten artenreiche Wiesengesellschaften ausbreiten. Nicht zu vergessen sind die Grabsteine, deren unterschiedliche Gesteine verschiedenen Moosen und Flechten einen Lebensraum ermöglichen.

Bei allem Sinn für Naturschutz darf man die ursprüngliche Bedeutung des Friedhofs nicht vergessen und sollte bei Naturschutzmaßnahmen sensibel vorgehen. Denn die Würde der Toten und der Anspruch der Trauernden steht auf Friedhöfen immer noch an erster Stelle.

Naturschutz auf Friedhöfen

Friedhöfe sind, besonders in Stadtgebieten, ein wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Durch ihre hohe Bedeutung für den Arten- und Biotopschutz, stellen sie auch für seltene Gattungen ein wertvolles Rückzugsgebiet dar. So findet in diesen einzigartig vorhandenen Orten der Ruhe, der Besinnlichkeit und des Friedens auch ein lebendiges Treiben statt.

Wissen

Die landschaftliche Struktur der Friedhöfe kennzeichnet sich vor allem durch ihre Flächenvielfalt. Mehrere typische Biotope vereinen sich dort zu einem kleinräumigen, engverzahnten Strukturmosaik. Neben niedrig wachsenden Grabpflanzen, Rasen- und Wiesenflächen finden sich geschichtete Strauch- und Baumgruppen; Wege und Wegränder bilden offene Rohbodenbereiche; Efeugräber, Gruften und alte Friedhofsmauern, Kompost- und Reisighaufen bieten mannigfaltige Kleinstlebensräume. Gelegentlich findet man auf großflächigen, parkähnlichen Friedhöfen sogar Feuchtbiotope, wie Bachläufe, Tümpel und Feuchtwiesen.

Auf vielen Friedhöfen stehen Hecken und Büsche, die als Sichtschutz und zur Raumgliederung gepflanzt wurden. Diese dienen einer Vielzahl von Individuen als geeigneten Lebensraum. So können hier zum Beispiel Bodenbrüter wie die Nachtigall und Gebüschbrüter wie der Grünling ungestört ihre Nester bauen. Andere Tierarten wie Igel, Mäuse und Käfer profitieren ebenso vom Schutz der Hecke und können problemlos ihre Nachkommen aufziehen oder hier überwintern.

Auch die Grünflächen des Friedhofs beherbergen eine vielfältige Pflanzen- und Tiergemeinschaft. Vor allem auf Wiesen sind, im Vergleich zu Rasenflächen, zahlreiche, teils in der Roten Liste verzeichnete, Arten beheimatet. Der hohe Anteil an verschiedenen Pflanzen trägt darüber hinaus maßgeblich als Nahrungs- und Lebensgrundlage der Tiere bei. So ist eine Wiese stetig belebt durch umherfliegende Schmetterlinge, zirpende Heuschrecken, krabbelnde Käfer, Spinnen und emsige Ameisen.

Besonders wertvoll sind auch Friedhöfe mit einem hohen Anteil an heimischen Bäumen. Diese bieten alles was die dort vorkommenden Tierarten zum Leben brauchen: Brutplatz, Unterschlupf und Nahrung wie zum Beispiel Nektar, Pollen, Blätter und Früchte. Problematisch sind hingegen nichtheimische Gehölze, da sie kaum als Lebensraum genutzt werden können und somit das Gleichgewicht zwischen Flora und Fauna durcheinander bringen. Doch nicht nur die Tiere profitieren von den Bäumen, sondern ebenso verschiedene Pflanzenarten wie Farne, die im Schatten optimal wachsen können. Auch bereits verfallende Bäume sind noch ein wertvoller Lebensraum für Insekten, Pilze, Moose und Flechten.

Diese stark gefährdeten Pflanzenarten kann man auch vermehrt auf alten Grabsteinen, Friedhofsmauern und steinernen Denkmälern vorfinden. Hier haben sie einen idealen kalkhaltigen Lebensraum zum gedeihen. Auch Tiere wie die Fledermaus oder die Bachstelze finden in Rissen und Winkeln von Steinen und Gemäuern ihre ökologische Nische.

Der Naturschutz auf Friedhöfen ist ein wichtiger Bestandteil zum Erhalt dieses naturnahen Rückzugsgebietes. Die strukturreiche Fläche bietet eine Art Inselfunktion inmitten der Stadt und dient somit auch als Naherholungszone. Für viele Tiere und Pflanzen sichert er einen geschützten Lebensraum, der auch für bedrohte Arten günstige Bedingungen bietet.

Aktionsideen


  • Quartiere schaffen
  • Lebensräume erhalten

Links zum Weiterlesen

Quellen