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Hinterhöfe – eine Welt für sich, früher wie heute

neonpink, www.jugendfotos.de

In den Hinterhöfen pulsierte das Leben

Als die industriellen Veränderungen die Menschen in die rasch wachsenden Städte zogen, wurden aus Bauern Arbeiter. Aber die Tiere nahmen sie mit, sofern sie es konnten. Noch um 1900 hatten die meisten ärmeren Familien nicht nur viele Kinder, sondern auch viele Haustiere. Diese wurden in Verschlägen in den Hinterhöfen gehalten, erst später kamen die "Laubenpieper" auf, aus den Städten ausgelagerte Kleinparzellen. Die Höfe waren sehr bald Kennzeichen für eine eigene Welt. Während die Reichen in Villen lebten, die mit parkähnlichem Baumbestand nichts mit dem Hinterhof-Reich von Hausschweinen und Hühnern zu tun hatte, waren die Höfe der rasch wachsenden Städte dreckiger, enger und sicherlich auch spannender. So war das Klo in vielen Armenhäusern auf dem Hof und man traf sich, ob man wollte oder nicht, mehrfach am Tag. Die Höfe waren vielfach miteinander verbunden, nicht selten mehrere hintereinander. In Verschlägen lebten die, die sich keine Wohnung leisten konnten. Handwerksbetriebe siedelten sich in den Höfen an, später wurden sie zu Sprungbrettern für viele kleine Firmen. Sie waren laut und chaotisch- ihre intensive Nutzung war Ausdruck des Bevölkerungsdrucks und der massiven Wohnungsnot.

Hinterhof-Leben in Berlin

Die berühmtesten Höfe der Bundesrepublik sind heute wahrscheinlich die "Hackeschen Höfe" in Berlin. Nach der vollständigen Renovierung sind sie mittlerweile zu einem "In-Viertel" für Touris geworden, in denen sich dennoch ein gewisser Flair erhalten hat. Während z.B. in Berlin die Vorderfronten der Häuser schicker waren und hier durch staatliche Kontrolle z.B. die "Traufhöhe" (max. Höhe des Dachs eines Hauses) festgelegt war, konnte sich in den Hinterhöfen eine eigene Welt nach dem Gesetz der Notwendigkeit oder des Chaos entwickeln. Vorne fuhren Straßenbahnen und die Verkehrspolizei passte auf; im Hinterhof gab es die Prostituierten und die kleinen „Durchwurschtler“, wie sie der Roman "Berlin Alexanderplatz" von Döblin vorstellte. Mit Abflauen des Bevölkerungswachstums und dem Aufkommen des Automobils war die Zeit der belebten Hinterhöfe vorbei.

Vom "Herz" eines Viertels zur "Wüste"- der Abstieg der Höfe

Im 20. Jahrhundert wurden Arbeits-, Nahrungsmittelerzeugungs- und Wohnort durch die Beweglichkeit entzerrt. Man musste nicht mehr gleichzeitig seinen Schusterbetrieb, den Kaninchenstall, das Kaminholz und das Klo auf dem Hof in der Nähe haben: Der Typus des "Arbeitspendlers" war geboren. Nun wurden die Höfe zugebaut, die weit verzweigten Straßensysteme waren nur noch für die Feuerwehr aufrechtzuerhalten und wurden häufig getrennt. Von vorneherein nicht für repräsentative Zwecke gedacht, begann der Abstieg der Höfe. Einzig als Kinderspielort blieben Höfe unverzichtbar. Nach dem 1950-er Wirtschaftsboom verstärkte sich die Nutzung als "Parkplatzhof" nahezu zum alleinigen Typus einer automobil geprägten Gesellschaft. Andere Höfe waren nun wirtschaftlich bedeutungslos. Das war ein Fluch – und ein Segen zugleich.

Der Hinterhof –neu entdeckt

Hinterhöfe waren, nachdem Maschinen und Fuhrwerke abzogen und sofern sie nicht von der Autopark-Platzwelle erfasst wurden, zwar wirtschaftlich bedeutungslos geworden, aber boten nun Freiraum. Durch schöne Bepflanzungen – in der Anfangszeit nahezu undenkbare Verschenkung von Platz – ruhige Sitzplätze und Spielmöglichkeiten wurden sie zu einer kleinen Oase. Viele Cafes nutzen heute Hinterhöfe als Biergärten. Der Hinterhof bekam für viele Menschen eine wichtige Funktion als Erholungs- und Frischluftort. Höfe sind heute Sozialräume, in denen Kinder spielen, Jugendliche und Erwachsene sich treffen können, ohne direkt vom Verkehr überrollt zu werden. Nicht zufällig wurden und werden die Schlafzimmer zum grünen Innenhof ausgerichtet. Wenn man es geschickt anstellt, wachsen die Pflanzen sogar bis ins Schlafzimmer – begrünte Fassaden machen es möglich!


(Bene Sunderhaus)

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