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Lebensraum Stadt

Stadtplanung

Rainer Sturm_pixelio.de

Von der trostlosen Stadt zur lebenswerten Stadt

In den hektischen und grauen Städten von heute sehen viele Menschen kaum noch Lebensqualität. Der ständig zunehmende Straßenverkehr produziert nicht nur Lärm und Abgase, sondern stellt auch eine Gefahr für spielende Kinder dar. Aber wie muss eine lebenswerte Stadt denn nun aussehen?

Viele Menschen wünschen sich ein Haus im Grünen und ziehen deshalb in die Vororte. Das führt zu mehr Flächenverbrauch, und der ist ja in Deutschland ohnehin mit 10,76 m2 pro Sekunde schon erschreckend hoch. Doch auch außerhalb der Stadt geht es den Menschen nicht viel besser, denn jetzt müssen sie lange Fahrtwege in Kauf nehmen, um zur Arbeit oder zur Schule in die Innenstädte zu kommen. Das Verkehrsaufkommen erhöht sich dadurch und die Lebensqualität in der Stadt sinkt weiter. Wer einmal etwas in die Zukunft denkt, dem wird schnell klar, dass die Lage vor den Toren der Stadt nicht von Dauer ist. Nach einigen Jahren werden so viele neue Gebäude dort gebaut worden sein, dass der ehemalige Vorort nun schon zur Stadt gehört.


Menschen sollen nicht aus der Stadt gelockt werden – sondern hinein!

Anstatt Familien durch Eigenheimzulage und Pendlerpauschale darin zu unterstützen, aus der Stadt raus zu ziehen, sollte man versuchen, die Lebensbedingungen in der Stadt aufzuwerten. Es müssen neue Erholungsräume geschaffen werden, wie z.B. Parks und Stadtwälder. Somit kann man den Effekt umkehren und die Natur in die Stadt holen. Auch die Wohnquartiere sollten attraktiver gestaltet werden, um möglichst viele neue Menschen anzulocken. Der Punkt ist also, dass man die leer stehenden Flächen der Innenstadt nicht vergisst und außen immer weiter anbaut, sondern dass die Entwicklung sich vor allem auf die bereits bestehende Stadt konzentriert, um diese lebenswerter zu machen.


Dichtere Besiedlung für mehr Wohnqualität?

Auch wenn es sich im ersten Moment nicht danach anhört, ist eine hohe Bebauungsdichte ein Lösungsansatz des Problems Flächenverbrauch. Denn in kompakt gebauten Städten leben viele Familien unter einem (Hochhaus-) Dach. Sie verbrauchen somit viel weniger Fläche als wenn sie alle ein Einfamilienhaus besäßen. Da diese Personen alle zentral wohnen, können sie zu Fuß zur Arbeit oder zum Einkaufen gehen oder bei etwas weiteren Strecken den öffentlichen Personennahverkehr nutzen. Es müssen keine neuen Verkehrswege erschlossen werden, die Flächenversieglung durch Straßen nimmt somit nicht zu.


Die Stadt der kurzen Wege

Ein Modell für einen idealen Stadtaufbau ist die „Stadt der kurzen Wege“. Die Grundtheorie besagt, dass jeder Mensch einen möglichst kurzen Weg zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen und zu einem Erholungsort haben soll. Das setzt voraus, dass diese Einrichtungen alle in der Innenstadt zu finden sind. In der Stadt der kurzen Wege gibt es also keine riesigen Einkaufszentren außerhalb der Stadt, die wertvolle grüne Wiesen zupflastern. Die Lebensmittelläden sollen so großflächig über die Stadt verteilt sein, dass man sie zu Fuß erreichen kann. So wird durch den Einkaufsladen um die Ecke nicht nur Flächenversieglung, sondern auch unnötiger Verkehr vermieden, der ja eines unserer Ausgangsprobleme war.


Verschiedene Stadtteile und Nutzungstypen

Wo sich die Tier- und Pflanzenwelt am wohlsten fühlt.

Wer von euch schon mal durch seine Stadt gefahren ist, dem wird vielleicht etwas an den unterschiedlichen Vierteln aufgefallen sein. Es lassen sich nämlich nicht nur Wohnsiedlungen und Einkaufstraßen in einer Stadt finden, sie lässt sich auch in verschiedene Nutzungstypen unterteilen:

  • dicht bebaute Zentrumsgebiete
  • Gebiete mit geschlossenen Blockrandbebauungen und freien Innenhöfen
  • Mehrfamilienhausgebiete mit großen Grünflächen zwischen den einzelnen Häusern
  • Einfamilienhäuser und Villenviertel
  • öffentliche Baukomplexe mit parkartigen Grünanlagen

Wenn ihr an euer Stadtzentrum denkt, fällt euch vielleicht auf, dass man dort so gut wie keine grüne Fläche sieht. Fast 100% der Zentren in den Großstädten sind versiegelt. Das einzige Grün, was einem manchmal ins Auge fällt, sind die Pflanzenkübel vor den Geschäften oder ein vereinzelter Baum. Auch wenn die Pflanzenwelt in diesem Bereich der Stadt nicht nennenswert vertreten ist, nutzen einige Vogelarten wie die Dohle, der Turmfalke und der Mauersegler die hohen Gebäude, um zu brüten. Man nennt sie auch Kulturfolger.

Schaut man sich ein Bild eines geschlossenen Wohnblocks aus der Vogelperspektive an, erkennt man zwei völlig verschiedene Aspekte. Auf der einen Seite, nach Aussen, die oft graue, steinerne Fassade, ohne jegliches Grün. Nach Innen dagegen eröffnet sich häufig eine Rasenfläche mit Bäumen, sowie Zier- und Nutzgärten. In diesen Kleinbiotopen findet man neben einer größeren Anzahl an Pflanzen auch mehr Tiere. Neben den Tieren, die auch im Zentrum vorkommen, lassen sich z.B. Hausmäuse, Steinmarder, Amseln und Elstern aufstöbern.

Mehrfamilienhäuser kennt jeder von uns. Es ist nicht mehr so laut wie in dicht besiedelten Vierteln, aber man kann den Bäumen auch noch nicht beim wachsen zuhören. Die oft großen Rasenflächen zwischen den Häusern bieten allerdings durch ihren häufig zu hohen Säureanteil im Boden keine ausreichenden Nährstoffe für ein allzu artenreiches Tier- und Pflanzenvorkommen. Je vielfältiger die Vegetation jedoch ist, desto mehr Busch- und Baumbrüter wie die Zaungrasmücke, die Amsel, der Grünfink und die Türkentaube sind zu finden.

Wer von uns würde nicht gerne in einem Einfamilienhaus oder einer Villa wohnen, mit großem Garten und verkehrsberuhigter Straße? Was für viele Menschen ein Traum ist, ist für Pflanzen- und Tierarten Realität geworden. Alte Baumbestände, aus Rosskastanien, Linden, Platanen und Eichen bestehend, bieten vielfältige Lebensräume für Vögel und Eichhörnchen. Die oft jahrzehntelange Nutzung der Böden als Gemüse-, Kräuter- oder Zierbeete hat zur Folge, dass sie besonders tiefgründig und nährstoffreich sind. Außerdem werden Vogelnester geduldet und häufig werden Nisthilfen für Vögel und Insekten angebracht. Durch die "passive Einstellung" der Anwohner profitiert die Tierwelt ungemein und das Artenspektrum reicht fast an das von Parks und Friedhöfen heran.

Auf den ersten Blick wirken Unis, Krankenhäuser, Verwaltungsgebäude und Schulen nicht wie ein Eldorado für Tiere und Pflanzen. Doch weit gefehlt! Diese Baukomplexe sind sehr häufig in parkartige Grünanlagen eingebettet, die zwar von Rasen dominiert werden, aber Baum- und Gebüschgruppen sowie vereinzelte Kleingewässer sind ebenfalls zu finden. Wurden früher die großen Rasenflächen noch regelmäßig gedüngt und gemäht, geht man heute, vielfach durch Sparmaßnahmen der Stadt gezwungen, dazu über, die Rasenflächen in Wiesen umzuwandeln. Das hat zur Folge, dass ehemals artenarme Flächen eine reiche Flora ausbilden.

Mehr zu den Lebensräumen von Pflanzen und Tieren in der Stadt findest du im Artikel über Stadtbrachen und Pflasterritzen.

Durch diesen kleinen Exkurs ist euch bestimmt klar geworden, dass Tiere und Pflanzen sich in der Stadt nicht nur auf Friedhöfen und in Parks wohlfühlen, sondern dass alle Lebensräume erobert werden. Sogar das zugebaute Stadtzentrum, das auf den ersten Blick lebensfeindlich erscheinen mag, bildet keine Ausnahme!!

Was suchen Tiere in der Stadt?

Warum es Mauersegler und Co. in die Städte zieht...


Schon mal was von Kulturfolgern gehört? Unter Kulturfolgern versteht man Tiere und Pflanzen, die sich neue Lebensräume in Städten erobern. Da ihre ursprünglichen Habitate von Menschen so stark verändert wurden, bietet ihnen die Stadt so viele Vorteile, dass sie ihre alten Lebensräume aufgeben.


Ein Blick zurück

Noch vor 160 Jahren gab es z.B. außer Sperlingen, Tauben und Turmfalken keine freilebenden Vögel in Städten. Damals war die Grenze zwischen Stadt und Land so schroff, dass diese eine zu große Barriere für die Vögel war. Doch im Laufe der Zeit veränderte sich das Bild der Städte; die Stadtmauer bildete nicht mehr die unmittelbare Grenze, sondern es entstanden fast fließende Übergänge zwischen Stadt und Land. Vororte mit Gärten wurden gebaut, die den Landtieren den Zugang in die Städte ermöglichten. Heute bilden Städte für viele Tierarten schon eine Art Arche Noah, da ihre Lebensbedingungen auf dem Land so geändert wurden, dass die Stadt die letzte Zufluchtsstätte bildet.


Was lockt Pflanzen und Tiere in die Städte?

In den Städten herrscht ein milderes Klima, es gibt ein ausreichendes Nahrungsangebot und vor allem gute Versteck- und Brutmöglichkeiten. Einige Wildarten konnten sich sogar erst durch unsere Siedlungen in Deutschland richtig ausbreiten! Allerdings haben auch viele Tierarten, darunter der Haussperling, Fledermausarten, Rauch- und Mehlschwalben, sowie Weißstorch und Schleiereule, eine so starke Bindung an den Menschen und seine Gebäude entwickelt, dass wesentliche Veränderungen in der Bau- und Lebensweise ein örtliches Aussterben dieser Arten bedeuten können. Doch die größte Gefahr für alle Tiergruppen bildet der Autoverkehr. Wie oft habt ihr schon überfahrene Igel, Vögel, Ratten oder auch Füchse auf der Straße gesehen? Hier soll jetzt nicht von einem Horroszenario die Rede sein, aber schließlich sollt ihr auch einen realistischen Überblick über das Leben der Tiere in der Stadt bekommen.


Wo stecken all die Tiere eigentlich?

Neben den oben genannten Tieren findet man weitere Arten wie Steinmarder, Mauersegler, Füchse, Kröten und Frösche in den verschiedenen Kleinbiotopen. Aber auch Ringelnattern, Rehe und sogar Wildschweine sind immer häufiger in den städtischen Randgebieten zu finden. Die Stadt ist nicht nur ein Ballungsraum für uns Menschen, sondern auch für Tiere! Wer von euch selbst mal auf Erkundungstour gehen möchte, findet in den frühen Abendstunden zum Beispiel an stillgelegten Schienenstrecken ideale Beobachtungsposten, um Füchsen bei der Jagd nach Wildkaninchen zuzuschauen. Wie Elstern und Krähen auf dem Schotterbett der Gleise nach Eidechsen schnappen oder Waldkäuze gegen Mitternacht lautlos nach Mäusen und Kröten jagen, das alles und vieles mehr könnt ihr an solchen Plätzen beobachten!

Links zum Weiterlesen

Aktionsideen

Quellen

  • Aline Foschepoth, die Entsiegler, NAJU
  • Jessica Franzen, die Entsiegler, NAJU
  • H. Sokopp, R. Wittig 1998: Stadtökologie-Ein Fachbuch für Studium und Praxis, Gustav Fischer
  • Dröscher, Tiere in Ihrem Lebensraum
  • Steinbach, Wir tun was... Für mehr Natur in Dorf und Stadt