Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Die Streuobstwiese

Allgemeines zur Obstwiese

Merkmale

Flächig (Obst- oder Baumgarten), in Reihe (Obstbaumallee) oder an einem Gerüst (Spalierobst) wachsende Obstbäume. Oft wird die Fläche zugleich als Wiese (Obstwiese) oder (Jungvieh-)Weide (Obstweise) genutzt. Bei der Streuobstwiese stehen die Obstbäume ohne geometrische Ordnung zueinander.

Kulturgeschichte

Obstanbau hatte für die Ernährung und Vitaminversorgung der Bevölkerung jahrhundertelang eine große Bedeutung. In Deutschland gab es im 19.Jh. 800 Apfelsorten, die an die jeweiligen regionalen Standortverhältnisse angepasst waren (resistenz gegen Spätfrost, Wind, Schorf, Mehltau, Anpassung an Wasser- und Nähstoffkapazität, an Tief- oder Flachgründigkeit, an Bodendurchlüftung u.s.w.). Eine der ältesten Apfelsorten ist der Gute Graue bzw. Borsdorfer Apfel, der auf Züchtung von Zisterziensermönchen zurückzuführen ist. Heute gibt es in Deutschland noch etwa 35 gängige Apfelsorten. Zur Konservierung konnte das Obst in Brotback- oder Dörröfen getrocknet oder – bei geeigneten Apfelsorten – in Kellern gelagert werden. In vielen Gebieten bot der Verkauf von Obst auf städtischen Märkten Bauern ein wirtschaftliches Standbein. Heute wird Obst nur noch in besonders begünstigten Regionen intensiv angebaut, im übrigen dient es der Selbstversorgung.

Vorkommen

Obstanbau war und ist landesweit verbreitet. In vielen Fällen bilden Obstwiesen und –alleen den Übergang vom Dorf in die Feldflur. Vor allem Streuobstwiesen mit alten Obstsorten und mit Hochstämmen unterschiedlichen Alters werden selten (siehe folgender Text).

Die Streuobstwiese

Streuobstwiesen sind Biotope mit hoch- oder mittelstämmigen Obstbäumen auf Grünlandvegetation. Die Art und Nutzung des Grünlandes spielt dabei keine Rolle. Streuobstwiesen sind in der Regel geschützte Lebensräume. Auf ihnen müssen im unmittelbaren Zusammenhang mindestens ca. 20, auch teilweise überalterte und abgestorbene Obstbäume vorkommen. Es werden auch Standorte dazu gezählt, die aufgelassen und ruderal sowie durch hochwüchsige Stauden geprägt sind oder verbuschte Bereiche ausweisen, soweit die Obstbäume den Charakter bestimmen. Bei Streuobstwiesen mit Grünlandvegetation als Unterwuchs, der oft Halbtrockenrasen ist, darf eine Nutzung nur in der Weise erfolgen, dass die Erhaltung der geschützten Grünlandbestände gesichert ist. Vor allem Schlehen, Kirschen, Birnen, Äpfel, Walnüsse und Zwetschgen wachsen auf Streuobstwiesen.

Geschichte

Bereits im Mittelalter wurden die von den Griechen und Römern veredelten Obstsorten in Klostergärten von Mönchen angebaut. Karl der Große erließ erstmals in Deutschland ein Gesetz zum Schutz und zur verpflichtenden Pflanzung von Obstbäumen. Sie entstanden rund um die Dörfer und auf ehemaligen Weinbergen. Gepflanzt wurden ausschließlich bereits kultivierte Obstsorten, die ohne menschliche Pflegemaßnahmen keinen Bestand gehabt hätten. Das heißt unter anderem, die Wiese unter und um die Obstbäume musste mehrfach im Jahr gemäht oder durch Vieh verbissen werden. Der Höhepunkt des Streuobstanbaus liegt Anfang des 20. Jahrhunderts, als vor allem auf unfruchtbaren, steilen Hängen Obstbäume angepflanzt wurden. Die Wiesen wurden als Weideflächen für Milchkühe genutzt. Danach waren die extensiv genutzten Flächen sowohl dem Bevölkerungswachstum als auch der fortschreitenden Technik mit ihren immer größer werdenden Maschinen im Wege. Viele hochstämmige Obstbäume wurden gefällt und durch intensiven Plantagenanbau mit niederstämmigen Monokulturen ersetzt. Die kleinwüchsigen niederstämmigen Obstbäume können besser gepflegt und abgeerntet werden. Sie erreichen bereits nach wenigen Jahren einen hohen Ertrag. Der Arbeitsaufwand ist geringer und die Chance höher, mit dem billigen Obst aus dem Ausland mitzuhalten. Daher gehören Streuobstwiesen heute zu den am stärksten gefährdeten Lebensräumen Mitteleuropas.

Die Streuobstwiese als Lebensraum

Die Streuobstwiesen sind wie grüne Oasen in den besiedelten Gebieten. Mit ihrer Ruhe und ihrem Strukturreichtum ziehen sie viele Tier- und Pflanzenarten an. Vor allem Tiere, die aus den Wäldern oder Waldrandbereichen vertrieben werden, finden hier Zuflucht. Auch Feld und Wiesenbewohner, denen die intensive Nutzung und die chemischen Düngemittel ihren Lebensraum streitig machen, finden auf diesen Wildkräuterflächen ihr Auskommen. Ob in Baumhöhlen oder Erdlöchern, hoch in den Zweigen, im abgestorbenen Holz oder im hohen Gras, Nahrung und Verstecke gibt es auf einer Streuobstwiese reichlich, das ganze Jahr hindurch. So bilden sich neue Lebensgemeinschaften der Baum- und Wiesenbewohner.

Die Obstbäume

Im Frühjahr locken die duftenden Blüten von Obstbäumen ganze Schwärme von Insekten an, die hier ihre erste Nahrung finden. Von den austreibenden Blättern ernähren sich Schmetterlingsraupen wie der Baumweißling. Besonders oft sind Meisen, Elster, Stieglitz, Misteldrossel, Wendehals, Wiedehopf, Tauben, Kleiber und Stare anzutreffen. Angebrachte Nistkästen können zusätzliche Brutmöglichkeiten bieten. Aber auch Baumhöhlen von Bunt- und Grünspecht dienen nach deren Auszug dem Steinkautz und dem braunem Langohr, einer einheimischen Fledermausart, als Brut- und Wohnhöhle. Die im Herbst herab fallenden Früchte sind eine wichtige Nahrungsquelle für Durchzügler wie Wachholderdrossel und Rotdrossel und der Wanderfalter Adrimal, einer der auffälligsten Schmetterlinge unserer heimischen Flora. Manche Pflanzenarten schätzen Obstbäume ebenso. Die Mistel zum Beispiel thront als Halbschmarotzer auf den Ästen und zapft mit ihren dünnen Saugorganen ihre Wirtspflanze an. So bekommt sie Wasser und Nährstoffe, die sie selbst nicht produzieren kann.

Die Wiese

Durch die verstreut stehenden Obstbäume fällt genug Licht auf den Boden, dass sich hier eine ausgeprägte und artenreiche (je nach Standort) Wildkräuterwiese mit vielen Gräsern und Wildblumenarten herausbilden kann. Typische Pflanzenarten einer Streuobstwiese sind die Herbstzeitlose, Gewöhnlicher Frauenmantel, Großer Wiesenknopf, Gelber Hohlzahn sowie Wilde Möhre und Wiesenschaumkraut. Die Blütenpracht einer solchen Wiese garantiert, wenn sie nur wenige Male im Jahr gemäht wird, den ganzen Sommer hindurch eine große Anzahl von Insektenarten. Besonders auffällig sind viele Schmetterlinge wie Tagpfauenauge, kleinen Fuchs, Aurorafalter, Schwalbenschwanz, kleiner Feuerfalter und verschiedene Bläulingsarten. Aber auch Kreuzspinne und Ackerhummel sind nicht weit. Da die Wiese einen kleinräumigen Wechsel aus sonnigen und schattigen Flächen, trockenen und feuchten Stellen aufweist, ist sie zudem attraktiv für Blindschleichen, Erdkröten und Grasfrösche, die hier teilweise in Erdlöchern und Höhlen überwintern. Auf einer Streuobstwiese sind auch Maulwürfe anzutreffen. Vielerorts von Gärtnern gefürchtet und vertrieben, können sie hier ungestört leben.

Die Trockenmauer

Trockenmauern um Streuobstwiesen wurden errichtet, um sie gegen die Felder abzugrenzen und das Wild von den Bäumen fernzuhalten. Heute sind Trockenmauern leider oft verfallen. Sie sind ein guter Lebensraum für wechselwarme Tiere, da die Mauern die Fähigkeit besitzen, Wärme zu speichern. Hier finden die Zauneidechse und auch die Kreuzotter ihren Lebensraum. Aber auch Erdkröten, Wildbienen, Laufkäfer und viele Spinnenarten nutzen dieses Biotop als Unterschlupf, da es lang frostfrei ist. Zudem gibt die Trockenmauer Wärme und Trockenheit liebenden Pflanzen Schutz. Hierzu gehören Türkenbundlilie, Feuerlilie, Buschnelke, Hauswurze, Moose, Flechten, Dunkler Mauerpfeffer und Mauerraute. Leider verbuschen verfallene Mauern mit der Zeit. So verschwindet ohne menschliche Pflege dieser besondere Lebensraum.

Der Reisig- und Totholzhaufen

Ein weiterer wichtiger Lebensraum ist das Totholz. Abgestorbene Bäume oder auch herabgefallene Äste bilden die Lebensgrundlage vieler Insektenlarven wie die des Hirschkäfers, der größten einheimischen Käferart, dessen Larven an den morschen Wurzel alter Obstbäume leben. Auch Wildbienen und verschiedene Moose und Baumpilze sind auf Totholz angewiesen. Totholz, das in der Landschaft verbleibt, bietet ganz eigenen Lebensgemeinschaften Raum und Nahrung. Ob nun Rinde, Holz, in Baumhöhlen oder Bruchstellen es finden sich immer Spezialisten, die genau daran angepasst sind. Viele von ihnen stehen auf der roten Liste wie bestimmte Pilze, Moose und Flechten. Die schwarze Rossameise nagt Nestkammernsysteme für ihre Brut in morsche Bäume. Viele Bienen und Wespenarten sind ebenfalls auf Totholz angewiesen. Zum Beispiel die Holzbiene die es zum überwintern benötigt. Größere Tiere nutzen abgestorbene Bäume vor allem als Nahrungsquelle, da hier ein reichhaltiges Insektenangebot herrscht. Der Buntspecht baut gern seine Höhlen hinein, welche später oft von anderen Tieren wie der Bechsteinfledermaus, dem Waldkauz oder auch dem Eichhörnchen bewohnt werden. Blindschleichen und Erdkröten nutzen den feuchten kühlen Boden unter dem Totholz als Versteck vor zu großer Hitze. Leider wird Totholz allzu oft aus ästhetischen Gründen oder wegen Behinderung von Maschinen aus den Flächen entfernt. Dadurch gehen wichtige Lebensräume für Arten verloren, die nicht in der Lage sind, sich an andere Bedingungen anzupassen.

Die Hecke

Häufig ist die Streuobstwiesen auch von einer Hecke umsäumt. Dieser strukturreiche Kleinstlebensraum besteht meist aus Sträuchern, die eine Höhe von bis zu 2 Metern erreichen können. Hier finden viele Insektenarten und Amphibien Schutz und Unterschlupf. Von Vögeln wird sie als Nahrungsquelle und Nistmöglichkeit genutzt. Zu den häufigsten Brutvögeln in einer Hecke zählen die Beutelmeise, Amsel, Grünfink, Dorngrasmücke, Wacholderdrossel und Bluthänfling. Als Nahrungsareal wird sie von Erlenzeisig, Gimpel, Blaukehlchen und Eichelhäher besucht. Auch Hasen, Füchse und Haselmäuse halten sich gern in einer Hecke auf, um hier nach Nahrung und Verstecken zu suchen.

Die Hecke in der Kulturlandschaft ist hier genauer beschrieben.

Gefährdung und Schutz

Streuobstwiesen sind aus unserer Landschaft nicht wegzudenken. Sie gehören zu den stark gefährdeten Lebensräumen. Nachdem in früheren Jahrzehnten bereits viele der hochstämmigen Obstwiesen zu Gunsten von niedrigstämmigen Intensiv-Obstplantagen gerodet wurden, stehen sie heute oft der Erweiterung von Siedlungsflächen im Wege oder werden wegen ihrer geringen wirtschaftlichen Bedeutung nicht mehr gepflegt oder erneuert. Die heute noch erhaltenen Streuobstbestände stellen wichtige genetische Ressourcen dar, da viele Pflanzungen ein zum Teil sehr hohes Alter haben. Das ist in einer Zeit der voranschreitenden genetischen Erosion für die Erhaltung der biologischen Vielfalt von besonderer Bedeutung. Wohl in kaum einem anderen gefährdeten Lebensraumtyp sind auf so kleiner Fläche so viele Belange von Natur und Landschaft in sich vereint, wie das Mosaik verschiedener Kleinstlebensräume und die Erhaltung alter Obstsorten. Die alten Obstsorten sind ein wichtiges Kulturerbe, das es zu erhalten gilt. Gründe für den Fortbestand von alten Obstsorten sind deren Langlebigkeit, geringe Krankheitsanfälligkeit, der mitunter sehr gute Geschmack und der besondere Säuregehalt, der für die Herstellung qualitativ hochwertiger Säfte wichtig ist.

Laut dem NABU gibt es in Deutschland zurzeit noch 400.000 Hektar Streuobstwiesen, die oft im schlechten Zustand sind. Die größten heutigen Streuobstwiesenbestände befinden sich am Fuß der schwäbischen Alb. Teile dieser Gebiete wurden von BirdLife International als Important Bird Areas ausgezeichnet.


Aktionsideen

Links zum Weiterlesen

Quelle


  • Der Text zur Streuobstwiese entstand im Rahmen des Erlebten Frühlings 2008.

Literaturtipps: Engelbrecht (1899), Küster (1995), Lucke et.al. (1992), Weller (1984), Wöbse (1998)